Was ist HIV/Aids?
Die Abkürzung HIV bedeutet Human Immunodeficiency Virus und bezeichnet das Virus, welches das Immunsystem des HIV-positiven Menschen angreift und zu AIDS (Aquired Immunodeficiency Syndrome = erworbenes Immunschwächesyndrom) führen kann. Das HI-Virus schwächt das menschliche Abwehrsystem so stark, dass sich der Körper schliesslich nicht mehr ausreichend gegen neue, andere Krankheitserreger wehren kann.
Deshalb können – nach einigen möglicherweise beschwerdefreien Jahren – verschiedene Krankheiten ausbrechen, die ohne die Schwächung des Abwehrsystems nicht oder nur selten auftreten. Erst dieses Stadium der HIV-Infektion heisst Aids. Einzelne dieser Krankheiten können zum Tod führen.
Übertragungswege
Sex
Am häufigsten wird HIV beim Bumsen ohne Gummi übertragen. Eine Infektion ist auch ohne Samenerguss möglich.
Beim Blasen besteht eine Ansteckungsgefahr, wenn Sperma in den Mund gelangt oder geschluckt wird. Mehr zum Thema Blasen und zur Lusttropfenfrage.
Drogen
Drogen spritzen («fixen»), beinhaltet ein sehr hohes HIV-Infektionsrisiko, wenn ein bereits von einer anderen Person benutztes Spritzbesteck verwendet wird. Dann kann infiziertes Blut direkt in die Blutbahn eindringen. Ein Infektionsrisiko besteht auch, wenn die Droge mit gebrauchtem Spritzbesteck aufgeteilt oder wenn gebrauchtes Zubehör (Löffel, Filter, Tupfer) wieder verwendet wird. Ausserdem kann man sich dabei sehr leicht mit Hepatitis B oder C infizieren.
Andere
Kinder von HIV-positiven Frauen können während der Schwangerschaft, während der Geburt und beim Stillen angesteckt werden. Unter optimalen Bedingungen (HIV-Therapie während Schwangerschaft, Kaiserschnitt, Verzicht auf Stillen) sinkt die Übertragungsrate allerdings praktisch auf Null.
Eine Übertragung ist auch bei Bluttransfusionen möglich. In der Schweiz werden aber Blutkonserven sehr genau auf HIV-Antikörper untersucht, so dass nur ein ganz kleines Restrisiko übrig bleibt.
Verlauf einer HIV-Infektion
1. Primoinfektion
Die ersten Wochen nach einer Infektion mit HIV heissen Primoinfektion. 3-4 Tage nach der Ansteckung vermehren sich die Viren im Körper ungehindert, weil der Körper noch keine Abwehr-Reaktion bereit hat. Die Virenkonzentration (Virenlast) kann in dieser Phase bis zu mehrere Millionen Viren pro Mikroliter Blut und Sperma erreichen (siehe Grafik). Deshalb passieren beim ungeschützten Sex in dieser Phase Ansteckungen so häufig.
Erst wenn das Immunsystem beginnt, Antikörper zu produzieren, sinkt die Virenlast wieder. Nach 2 bis spätestens 3 Monaten stabilisiert sich die Virenlast vorerst auf etwa 10'000 Viren pro Mikroliter Blut oder Sperma.
Schematischer Verlauf einer HIV-Primoinfektion:
Unsafe Sex während der Primoinfektion ist der Motor der HIV-Epidemie bei schwulen Männern
Weil sich in der Schweiz jedes Jahr etwa 300 schwule Männer mit HIV anstecken, gibt es so viele Männer mit einer HIV-Primoinfektion. Viele wissen in dieser Phase noch nicht, dass sie das Virus in sich tragen und geben es unwissend weiter. Rund die Hälfte der HIV-positiven Männer hat sich bei jemandem angesteckt, der selber noch in der Phase der Primoinfektion war. Deshalb ist Unsafe Sex während der Primoinfektion der Motor der HIV-Epidemie bei schwulen Männern. Achte dich deshalb auf die Symptome einer Primoinfektion (sieht unten)!
Symptome einer Primoinfektion
Bei 50% -90% der Menschen treten in den ersten Wochen nach der Infektion mit HIV grippeähnliche Krankheitszeichen auf, die nach ein bis zwei Wochen wieder abklingen. Viele bemerken diese Symptome kaum. Das können Fieber, Kopfschmerzen, Übelkeit, geschwollene Lymphdrüsen, Muskelschmerzen, Durchfall, Erbrechen oder auch Hautausschläge sein.
Wenn das vorkommt, denkst du vielleicht nicht an eine HIV-Infektion – denn das gibt’s ja auch sonst. Treten solche Symptome jedoch nach einer Risikosituation auf: dann ab zum HIV-Test, wenn du nicht bereits eine PEP-Abklärung gemacht hast ! Das ist die einzige Möglichkeit, um Klarheit zu bekommen.
2. Symptomfreie Phase
Die HIV-Infektion verläuft nach dieser Anfangsphase zunächst unauffällig, d.h., es treten keine Symptome auf. Diese Phase kann einige Monate oder viele Jahre andauern. Das Virus vermehrt sich jedoch weiter und schädigt das Immunsystem.
3. Phase mit allgemeinen Symptomen
Irgendwann können weitere Symptome auftreten. Diese sind meist allgemeiner Art, z.B. lang andauernde Lymphknotenschwellungen an mehreren Stellen (unter den Achseln, in der Leistengegend), starker Nachtschweiss und lang anhaltende Durchfälle.
Die Krankheitszeichen, die im Verlauf der HIV-Infektion auftreten können, sind im Einzelnen betrachtet unspezifisch, d.h., sie kommen auch bei vielen anderen Krankheiten vor. Ob eine Immunschwäche vorliegt oder nicht, können deshalb nur Ärztinnen und Ärzte feststellen.
4. Schwerer Immundefekt
Treten bei einer schweren, durch HIV verursachten Immunschwäche bestimmte Krankheiten auf, spricht man von Aids. Diese Krankheiten werden deshalb als «Aids definierend» bezeichnet. Dazu zählen z.B. bestimmte Formen von Lungenentzündungen, selten auftretende Krebsarten oder der Befall durch Pilze und andere Viren.
Die häufigsten Tumorerkrankungen im Zusammenhang mit Aids sind durch Viren (mit-)bedingte Krebsarten, z.B. das Kaposi-Sarkom (ein Hautkrebs), sowie maligne Lymphome (bösartige Tumore des Immunsystems). HIV kann Zellen des zentralen und peripheren Nervensystems schädigen. Im Verlauf der HIV-Infektion können daher auch Hirnleistungsstörungen und/oder Nervenentzündungen auftreten.
Antiretrovirale Therapie - ART
Inzwischen gibt es verschiedene Medikamente, die mit grossem Erfolg die Vermehrung der HI-Viren im Körper und die damit verbundenen Infektionen verhindern. Diese Medikamente hindern das HI-Virus an der Schwächung des Immunsystems und zögern damit den Ausbruch von Aids hinaus.
Diese antiretrovirale Therapie (ART) kann bewirken, dass die Virenlast bei einem erfolgreich therapierten Patienten unter die Nachweisgrenze fällt (weniger als 40 Virenkopien pro Mikroliter Blut). Deswegen kann eine Therapie gegen HIV – zur rechten Zeit begonnen, individuell zugeschnitten und richtig durchgeführt – die Lebensqualität und –erwartung deutlich erhöhen.
Eine Infektion mit HIV ist aber nach wie vor nicht heilbar. Die Medikamente müssen lebenslang und täglich zu festen Zeiten eingenommen werden.Sie haben oft unangenehme Nebenwirkungen und wirken nicht bei allen Menschen gleich gut. Daran wird sich so bald nichts ändern. Es ist kein medizinischer Durchbruch in Sicht.
Detaillierte Informationen zu Therapie, Medikamenten, Wirkungen und Nebenwirkungen findest du hier.
Neue Erkenntnisse
Die Eidgenössische Kommission für Aidsfragen (EKAF) hält in der Schweizerischen Ärztezeitung vom Januar 2008 (89:5, S. 165-169) fest:
Eine HIV-infizierte Person unter wirksamer antiretroviraler Therapie (ART) gibt das HI-Virus über Sexualkontakte nicht weiter, wenn die Viruslast unter der Nachweisgrenze liegt (d.h. 40 oder weniger Virenkopien pro Mikroliter Blut). Dafür müssen 3 Bedingungen erfüllt sein:
1. Der Patient hält die antiretrovirale Therapie konsequent ein und lässt sich regelmässig vom Arzt kontrollieren.
2. Die Viruslast liegt seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze.
3. Der Patient darf nicht von einer anderen sexuell übertragbaren Infektion betroffen sein (z.B. Herpes, Syphilis oder Tripper).
Diese Erkenntnisse sind eine frohe Botschaft, vor allem für HIV-positive Menschen. Was bedeuten sie für HIV-positive Menschen und die Prävention?
Bedeutung für HIV-infizierte Menschen in fester Partnerschaft
HIV-positive Menschen, welche
· in einer festen Partnerschaft leben
· ART konsequent und zuverlässig einnehmen
· sich regelmässig vom Arzt kontrollieren lassen
· und keine anderen sexuell übertragbaren Krankheiten haben,
übertragen das Virus sexuell nicht und gefährden somit ihren Partner nicht. In einem gemeinsamen Beratungsgespräch mit dem behandelnden Arzt können Paare entscheiden, ob sie auf Kondome verzichten wollen oder nicht. Der Entscheid liegt nach eingehender Information und Beratung beim HIV-negativen Partner, da dieser die Konsequenzen einer HIV-Infektion tragen müsste, falls es wider Erwarten doch zu einer HIV-Übertragung käme.
Bedeutung für die Prävention ausserhalb von festen Partnerschaften
Diese Erkenntnisse ändern nichts an den Präventionsbotschaften für sexuelle Begegnungen ausserhalb von festen Partnerschaften. Nach wie vor hat der Selbstschutz hier erste Priorität.
Verlässt sich eine HIV-negative Person bei neuen Partnerschaften, Gelegenheitskontakten oder mit anonymen Partnern auf die Aussage des Sexpartners „ich bin unter wirksamer ART“, so geht sie ein HIV-Risiko ein, da sie die Zuverlässigkeit de Aussage nicht überprüfen kann.
Für alle sexuelle Begegnungen mit neuen, anonymen oder Gelegenheitspartnern gilt somit weiterhin: Eindringen immer mit Gummi, kein Sperma oder Blut in den Mund.
Was bedeutet es, HIV-positiv zu sein?
Ein positives Testergebnis hat weitreichende Auswirkungen auf das Leben.
Zuerst bedeutet es, dass du dich für den Erhalt deiner Gesundheit in regelmässige ärztliche Kontrolle begeben musst. In diesen Kontrollen wird entschieden, ob und wann es sinnvoll ist, mit einer antiretroviralen Therapie zu beginnen, damit das Virus in Schach gehalten werden kann, dein Immunsystem möglichst funktionstüchtig bleibt und keine Aids definierenden Krankheiten ausbrechen.
Die ART bedingt, dass jeden Tag Medikamente eingenommen werden müssen und deren Nebenwirkungen zu ertragen sind. Da es keine Heilung gibt und der Virus für den Rest des Lebens im Körper bleibt, braucht es eine lebenslange ärztliche Betreuung. Die Wirksamkeit von ART ist nicht ein Leben lang garantiert. Bei Unverträglichkeit oder nachlassender Wirkung müssen oft alternative Medikamente gesucht werden, was für den Körper jedes Mal eine Belastung ist.
Weiter erleben viele HIV-positive Menschen in ihrem Alltag Diskriminierung und Ausgrenzung, sei es von Familie, Freunden und Kollegen, Arbeitgebern oder Sexpartnern. Sie werden oft mit dem Vorwurf belastet, «selber schuld zu sein», es weiss ja jeder, wie man sich schützen kann. Solche Bedingungen können oft zu schweren Lebenskrisen führen.
HIV-positiv zu sein bedeutet auch, dass man derjenige ist, der andere anstecken kann. HIV-positive Menschen stehen damit immer wieder vor der Frage, ob nur sie die Verantwortung für den Schutz zu tragen haben, zumal sie in der Schweiz für die Ansteckung von anderen Personen gerichtlich angeklagt und verurteilt werden können.
